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Green Travelling – Auf dem Weg zur Klimafreundlichkeit

Ich packe meinen Koffer und nehme mit: ein Interrailticket, viel Zeit, zu viele Socken, ein gutes Gewissen.

328,3 Millionen. Das ist die Zahl der Menschen, die 2023 in Österreich mit der Bahn gereist sind. [1] Aufs Auto zu verzichten, „grün“ zu reisen ist zunehmend im Trend, die teuren Spritpreise leisten darüber hinaus ihren Beitrag, das Bahnfahren attraktiver zu machen. Grünes Reisen ist immer wieder in aller Munde, besonders, wenn es um Themen wie das Klimaticket oder Interrail geht. Gerade letzteres hat in den vergangenen Jahren viel Zuspruch erfahren und das nicht nur bei Schulabsolvent:innen, die nach der Matura erst einmal „auf Interrail“ gehen, sondern auch bei Student:innen und Erwerbstätigen, die das Reisen mit dem Zug den Ferienstaus und den übervollen Flughallen vorziehen.

Was grünes Reisen genau bedeutet, sieht jede:r vermutlich ein wenig anders, Hauptsache ist, dass so wenige Emissionen wie möglich im Gepäck sind. Je nachdem wer wohin reist, kann das auch eine Autoreise einschließen, etwa „mit vier Leuten im Auto nach Kroatien und mit fünf Leuten zurück, statt jeder im Flugzeug”, wie mir eine Freundin von ihrem letzten Urlaub berichtete. Fahrgemeinschaften, Car-Sharing, Fernbusse, …: die Optionen jenseits der Gleise sind vielfältig und erleichtern das Reisen zuweilen an den Orten, an denen es mit öffentlichen Verkehrsmitteln deutlich schwerer wäre – nicht nur an kleinen Steilküstenorten in Kroatien oder an der neapolitanischen Küste, sondern auch in Dörfern und Regionen auf dem Land, die schlecht bis gar nicht ans Bahnnetz angebunden sind und einen Bus nur dreimal am Tag sehen.

Was fancy klingt und gerade von großen Unternehmen gerne für Werbezwecke verwendet wird, „Green Travelling“, ist allerdings weniger ein zeitlich begrenzter Trend, sondern – eigentlich – der Aufruf zu einem bewussteren Umgang mit dem Thema Mobilität und, unweigerlich, eine Entscheidung. Etliche Stellen haben die Vor- und Nachteile bereits aufgezeigt, viele davon erleben wir täglich selbst – etwa die positive Entschleunigung im Zug, die uns inmitten des hektischen Alltags ermöglicht uns fortzubewegen, ohne vom Verkehr abhängig zu sein, die Reisezeit für Produktives zu nutzen oder schlicht die vorbeiziehenden Landschaften zu genießen; oder aber der Druck, wenn man auf Bus und Bahn angewiesen ist, sie aber wieder zu spät (oder gar nicht) kommen und man in seiner Tagesplanung davon abhängig ist, die (begrenzten) Zeiten einzuhalten.

Während viele schon zweimal überlegen, bevor sie innerländlich auf öffentliche Verkehrsmittel umsteigen (können), gestaltet sich das Reisen international oft ebenso spannend: etwa mit unverständlichen Tarifgebieten und -optionen, schlechten Anschlussmöglichkeiten oder horrenden Ticketpreisen – Gründe, warum das Interrailticket so boomt, weil es ermöglicht, jegliches öffentliche Verkehrsmittel zu nutzen. Freunde von mir reisten von Bern nach Newcastle: Die 14 Stunden im Zug, von den Bergen ans Meer, darunter hindurch und bis ans Nordende Englands, haben sie nicht geschreckt und sie sparten – kombiniert mit diversen Ausflügen – im Vergleich zu Flug und Einzeltickets enorm; gleichzeitig waren sie enttäuscht von dem hohen Anteil Diesel-betriebener Züge und den wenigen Bahnen, die auf der Insel Stromoberleitungen nutzten – green travelling? Was die Entscheidung, international grün zu reisen, noch immer zusätzlich erschwert, sind die günstigen Flugpreise, mit denen Bahnen of nicht mithalten können (oder wollen) – die Entscheidung, auf einen grünen Zug umzusteigen, verlangt also umso mehr Hingabe. Auch das eigene Auto stehen zu lassen, um den Bus zu nehmen, verlangt Dedikation, denn warum sollte man sich freiwillig mehr Mühe machen?

Nimmt man diejenigen davon aus, die beruflich oder für ihre Ausbildung pendeln müssen und auf zuverlässige Angebote angewiesen sind, könnte man den oftmals gehörten Einwand „dann reise einach weniger“ einbringen, doch gerade in diesen Tagen scheint es wichtiger denn je, über den eigenen Tellerrand zu schauen und die Erfahrungen des „Selbst-da-gewesen-Seins“ prägen unsere Sicht auf Länder und Kulturen nachhaltiger als es geschönte Social-Media-Videos je könnten. Zum „Europäischen Traum“ sollten, in einem maßvollen Umgang, auch eine hohe Mobilität und Flexibilität gehören, um einander – und nicht zuletzt uns selbst – besser kennenzulernen.

 


[1] Bahnverkehr auf “Allzeithoch”, news ORF.at, 05.07.2024; online unter: https://orf.at/stories/3362682/