Autor: Felix Zychvv
Was ist Autismus eigentlich und welche Ideen gibt es die Jugendarbeit inklusiver zu gestalten? Felix Zych, selbst im Autismus-Spektrum, hat 2025 in der Evangelischen Pfarrgemeinde A.B. Wien-Favoriten zwei autismusfreundliche Gottesdienste gefeiert und teilt heute seine Gedanken wie die Jugendarbeit für Personen mit Autismus gut gestaltet werden kann.
Autismus
Autismus wird den neuromentalen Entwicklungsstörungen zugeordnet und zeigt sich durch Auffälligkeiten im Bereich der sozialen Kommunikation und Interaktion sowie eingeschränkte und repetitive Verhaltensmuster und Interessen. Ein weiteres Symptom ist die veränderte Reizwahrnehmung und -verarbeitung, welche sich durch eine Hyper- oder Hyposensibilität gegenüber Reizen zeigt. Ist man den Reizen durchgehend ausgesetzt, ohne eine Möglichkeit sich zurückzuziehen oder die Reize anderweitig abzuschirmen, kann es zu einem Zustand der Reizüberflutung kommen, was für Betroffene eine schwierige Situation darstellen kann. Bei mir zeigt sich die Reizüberflutung durch ein allgemeines Unwohlsein, als hätte man an einem heißen Sommertag zu wenig getrunken und kurz darauf durch Kopfschmerzen oder starke Müdigkeit.
Immer wieder ist auch zu lesen, dass es „mehr autistische Personen als vor zehn Jahren gibt“. Allerdings ist diese Aussage nicht ganz so richtig. Es werden durch verbesserte Diagnosemethoden und eine erhöhte Sensibilität in der Gesellschaft nur mehr Menschen mit Autismus diagnostiziert. Es ist aber nicht plötzlich jeder dritte Mensch autistisch. Auch wenn es durch verbesserte Diagnosemethoden mehr Diagnosen gibt, findet sich dennoch ein starker Gender-Gap. Es werden männliche Personen noch immer ungefähr 3-4x häufiger mit Autismus diagnostiziert als weibliche, was darauf zurückzuführen ist, dass die Diagnosekriterien sich stark an männlichen Personen orientieren. Weibliche Personen werden, wenn sie diagnostiziert werden, deutlich später diagnostiziert, was den Leidensweg verlängert und Unterstützung in Form von Assistenz oder Therapie hinauszögert.
Wichtig zu erwähnen ist, dass es nicht die eine autistische Person gibt, sondern Autismus ein ganzes Spektrum und somit jede autistische Person individuell ist und unterschiedlichen Unterstützungsbedarf hat.
Autismus in der Jugendarbeit und in Gottesdiensten
Inklusion ist ein Ansatz die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Gesellschaft inklusive aller Organisationen, Gebäuden und Orten für alle Menschen zugänglich wird. Dies bezieht sich nicht nur auf bauliche Barrierefreiheit, sondern auch auf Dokumente, Texte und sonstige Informationen, welche in leichter Sprache und/oder mit Symbolen unterstützt werden können.
Inklusion ist ein Ansatz die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen so zu gestalten, dass Gesellschaft inklusive aller Organisationen, Gebäuden und Orten für alle Menschen zugänglich wird. Dies bezieht sich nicht nur auf bauliche Barrierefreiheit, sondern auch auf Dokumente, Texte und sonstige Informationen, welche in leichter Sprache und/oder mit Symbolen unterstützt werden können.
Inklusive Jugendarbeit und Gottesdienstfeiern mögen zunächst einmal herausfordernd klingen, aber es ist gar nicht so schwierig wie von einigen zunächst angenommen wird und oft sind es schon die kleinen Dinge, die zur Inklusion beitragen.
Barrierefreie Eingänge und Räume: Inklusion beginnt schon beim Eingang in den Kirchenraum oder Pfarrhaus. Sind die Eingänge ebenerdig oder mit einer Rampe versehen? Grundsätzlich schon sehr gut – allerdings bleibt zu beachten, dass Rampen auch nicht zu steil sein dürfen. Gibt es barrierefreie Toiletten, die groß genug sind, um mit Rollstuhl hineinzufahren? Sind Räume innerhalb des Gemeindehauses nur über Treppen erreichbar? Ist das der Fall, sollte überlegt werden Räume zu verwenden, die möglichst barrierefrei zu erreichen sind.
Laut- und Schriftsprache: Oft sind Informationen, Lesung und Predigt in schönen langen Sätzen formuliert, dass es ja schön klingt und man sich rhetorisch wunderbar ausdrücken kann. Diese langen, oft auch verschachtelten Sätze, sind aber nicht für alle Menschen gut zu verstehen. Deshalb empfehle ich kurze Sätze in einfacher Sprache, damit alle Menschen die Inhalte verstehen. Zugegebenermaßen: Dieser Text ist nicht das beste Beispiel für Sätze in einfacher Sprache.
Induktive Höranlage: Für Personen mit Hörgerät ist es eine enorme Erleichterung, wenn im Kirchenraum eine fix installiere induktive Höranlage vorhanden ist, da so das Gesprochene direkt ans Hörgerät übertragen werden kann, was die Worte deutlich verständlicher macht. Oft werden aus Kostengründen nur bestimmte Bereiche, zB bestimmte Sitzplätze, mit einer Induktionsschleife versehen, was aber der Inklusion widerspricht, da auch diese Plätze einmal voll belegt sein können bzw. man keine freie Platzwahl hat.
Kommunikation mit Tools der Unterstützten Kommunikation (UK): Personen welche lautsprachlich nicht oder nur eingeschränkt kommunizieren können, hilft es auf UK-Tools zurückzugreifen. UK-Tools sind beispielsweise Talker-Apps am iPad, UK-Fächer, Bildkarten. Sehr bekannt in diesem Zusammenhang im deutschsprachen Raum ist die Metacom-Symbolsammlung.
Gebärdenunterstützte Kommunikation(GuK) und Gebärdensprach: GuK ist eine Methode, welche eingesetzt werden kann, um die Lautsprache mit Gebärden zu begleiten, wobei zu erwähnen ist, das GuK nicht Gebärdensprache ist. Die Gebärdensprache unterscheidet sich von der GuK dadurch, dass sie eine vollständig eigene Grammatik und Satzstellung hat. Sollte sich die Chance oder der Bedarf ergeben, dass ein Gebärdendolmetsch eingesetzt wird: Seht es nicht als (finanzielle) Hürde, sondern als Chance zu einem inklusiven Gemeindeleben beizutragen.
Schriftdolmetsch: Diese Art des Dolmetschs ist eine weitere Form zur Inklusion beizutragen. Schriftdolmetsch übersetzt das Gesprochene in Schriftform und bietet so die Möglichkeit mitlesen zu können.
Brailleschrift: Aus vielen öffentlichen Bereichen, wie beispielsweise U-Bahn-Stationen, ist sie nicht mehr wegzudenken. Eine Überlegung ist es daher auch Raumschilder, Wegweiser und Informationen auf Zetteln mit Brailleschrift zu versehen.
Biblische Erzählfiguren: Vermutlich kennen viele von euch biblische Erzählfiguren aus Kindergottesdiensten. Diese Erzählfiguren erfüllen dort eine zentrale Rolle: Sie machen die Texte und die damit verbundene Geschichte für Kinder greifbarer. Die Geschichte greifbarer machen ist allerdings nicht nur auf Kinder bezogen, sondern für alle Menschen eine schöne Sache. Denn manchmal sind Texte, auf in verständlichen Worten, schwer zu greifen, wenn man kein Bild dazu hat. Und diese biblischen Erzählfiguren ermöglichen genau das: Erzählungen werden sicht- und erlebbar.
Ruheraum und Stimming-Material: Viele autistische Personen nehmen Reize deutlich intensiver wahr. Egal ob Musik, Licht, Gerüche oder Berührungen. Es ist daher eine sehr große Hilfe, wenn ein Ruheraum mit möglichst wenigen Reizen zur Verfügung steht, sodass man sich zurückziehen kann. Auch ist es sehr hilfreich Stimming-Material zur Verfügung zu stellen, dass hilft Stress zu regulieren. Stimming-Material, immer wieder auch als Stimming-Toys bezeichnet, können beispielsweise Quetschbälle sein, aber auch etwas visuelles wie Lavalampen. Am besten einfach nachfragen was hilft!
Hilfsmittel: Stark mit dem vorherigen Punkt verbunden ist auch das explizite Erwähnen, dass es nicht peinlich oder komisch ist Hilfsmittel in der Öffentlichkeit, Gottesdienste oder bei Gemeindeveranstaltungen zu nutzen. Hilfsmittel gegen Reizüberflutung können beispielsweise Kopfhörer oder Ohrstöpsel gegen auditive Reize, eine Sonnenbrille gegen visuelle Reize oder eben angesprochenes Stimming-Material sein. Stimming betreiben übrigens auch nicht-autistische Menschen!
Bei Fragen zu Autismus und autismusfreundlich-inklusiver Gottesdienstgestaltung wenden Sie sich bitte an Herrn Zych. Er ist per Mail unter f.zych@outlook.com erreichbar.
